Pop, Wave, Rock? Electronica-Veteran Rüdiger Illg (u.A. Science O.C.N., Walzenstuhl, Portash) interessieren solche Kategorien nicht mehr im Geringsten – auf der neuen EP „Adrift“ seines Hauptprojekts „Conscience“ präsentiert er Songs, die unterschiedlicher nicht sein könnten und dennoch eine Geschichte erzählen, die sich mit jedem Track weiter entfaltet.

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Das Thema selbst ist ein Klassiker der Musikgeschichte: der Umgang mit Trennungen – vom Hadern und Flehen übers Verleugnen und Wegträumen zum Pendeln zwischen fatalistischer Akzeptanz und unerfüllbarer Hoffnung, bis ein neu erwachtes Selbstbewusstsein den trotzigen Schlussstrich zieht.
Selten jedoch wurde diesem Sujet auf so wenig Raum so viel musikalische Vielfalt abgerungen: Die lediglich vier Lieder überspannen einen Raum von Synthpop über Industrial bis zur Rockballade. Werden auf einem einzigen Release Assoziationen von A-ha („Be with me“) über Nine Inch Nails („I don’t ever want to wake up“) bis Punish Yourself („Lovekiller“) geweckt, haben es Musikjournalisten und Genrehörer nicht leicht. Doch diese Vielfalt wirkt zu keiner Zeit beliebig: Stück für Stück geht man die radikalen Metamorphosen mit, da der Ausdruck stets zum Inhalt passt und uns direkt in die jeweilige Gefühlslage des Protagonisten versetzt. Die wandlungsfähige Stimme und stilsichere Produktion tun ihr Übriges dazu, die Songs wie einzelne Akte eines Theaterstücks zu inszenieren.

Mit Schwarz und Weiß fühlt sich RI sichtlich unwohl – sein Metier sind die Grauzonen: jeder Song schwankt hin- und hergerissen zwischen widerstreitenden Gefühlen und zelebriert dabei auch musikalisch das Hakenschlagen. Wer nach dem ersten Refrain die eingängigen Melodien mitsingen möchte, wird schnell von unerwarteten Wendungen aufs Glatteis geführt. So öffnet „My Real Life“ mit gefälligem Synthpop und groovigen E-Piano-Figuren, um plötzlich in Indie-Rock-Gefilden zu wildern, während der Industrial von „I don’t ever want to wake up“ schließlich in eine regelrechte Hymne mündet, die es fertigbringt, bei der Feststellung eines verschwendeten Lebens irgendwie verdammt euphorisch zu klingen.
„You left me in the dark“ klagen die ersten Worte des Albums – und so ergeht es auch dem Hörer, der indes keinen Grund zur Beschwerde hat: folgt er dem Lockruf auf verschlungene Pfade, wird er das Labyrinth mit einem breiten Grinsen im Gesicht verlassen. Denn die Spielfreude, mit der Conscience scheinbar widersprüchliche Genres gegeneinander anlaufen lassen, um sie schließlich harmonisch zu verbinden, steckt an. Spätestens das Grande Finale von „Lovekiller“ lässt Synthesizer-Nerds ebenso beglückt zurück wie alternative Rocker – auf der Tanzfläche, nicht im stillen Kämmerlein wird der Schlussstrich unter die zerbrochene Beziehung gesetzt, aus dem Trotz erwächst neues Selbstbewusstsein.

Nicht nur musikalisch spannt Illg dabei einen größeren Bogen – die Geschichte, die Adrift erzählt, reiht sich in eine Trilogie ein, die mit der epischen Wave-Platte „A tough call for the wizzard“ 2017 ihren Anfang nahm und von der Notwendigkeit des Auf- und Abbruchs erzählte. Wie „Adrift“ den erzählerischen Faden konsequent weiterspinnt, dabei jedoch musikalisch ganz anderen Töne anschlägt, macht neugierig auf den noch unbenannten Schlussbaustein, der für Anfang 2019 angekündigt ist. Auch nach 28 Jahren ist „Conscience“ offenbar noch lange nicht am Ende seiner Geschichte angekommen.

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Foto von Conscience
Kategorien: Bands
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