Das Marvel-Cinematic-Universe kurz MCU ist gemessen am Einspielergebnis die erfolgreichste Filmreihe der Kinogeschichte. Das Konzept ist so einfach wie genial. Man nehme eine Menge Geld in die Hand, führe jeden neuen Superhelden mit einem eigenen Film ein, besetze jede Rolle mit dem „Who is who“ Hollywoods, lasse bei jedem Film zwei bis vier Autoren an ausgefeilten Dialogen mit einer Prise „marvelscher“ Selbstironie arbeiten, versetze das Ganze dann in eine Überwältigungs-Optik mit den technischen Möglichkeiten der Zeit, führe am Ende alle Helden noch einmal in einem ultimativen Kampf gegen das Böse zusammen und starte dann mit einer neuen Phase das Ganze wieder von vorne. So hat man dann am Ende einer jeden Phase etwa sechs neue Superheldenfilme mit Einspielergebnissen jenseits der Milliarden Dollar Grenze und durch eine Null-Risiko-Taktik quasi eine todsichere Lizenz zum Geld drucken.

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So weit so gut. Nun entsteht ein neues Problem – der Abnutzungseffekt. Bei den zahlreichen Science-Fiction Blockbustern der 2010er Jahre wird es natürlich immer schwerer das Publikum durch oben genannten Schauwerte ins Kino zu locken. Es entsteht ein „Alles schon mal gesehen“- Gefühl. So geht die goldene Zeit des 3D-Blockbuster Kinos im Einheitsbrei der Superhelden-Filme langsam zu Grunde und hinterlässt ( wie zuletzt bei DC´s „Suicide Squad“) ein Publikum, dass sich immer mehr die Frage stellt ob das Kino-Erlebnis die hohen Eintrittspreise samt Verpflegung noch rechtfertigt.

Deshalb ist Marvel nun natürlich sichtlich bemüht diesem Trend etwas entgegenzusetzen und die Wahl der Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch als Doctor Strange und Tilda Swinton als The Ancient One, sowie ein visuell beeindruckender Trailer rund um die Verschiebung physikalischer Gesetzmäßigkeiten, haben mich dann auch tatsächlich noch einmal in einen Marvelfilm gelockt.

Der Plot ist hier eher klassisch angelegt. Der Held wird vorgestellt, erleidet einen Schicksalsschlag, verzweifelt und findet in der Krise letztendlich seine wahre Bestimmung und am Ende gelingt es ihm das Böse in die Schranken zu weisen. Hier gilt also auch der „Alles schon mal gesehen“-Effekt. Aber das wäre zu einfach, denn die Story mit ihrem spirituellen Hintergrund bietet eigentlich Potential für mehr. Leider passen tiefgründige und philosophisch angehauchte Storys genauso wenig wie durchaus angelegte Düsternis ins MCU und so muss sich alles der „marvelschen“ Doktrin der coolen Sprüche und der Selbstironie unterordnen. Bleiben also noch die schauspielerischen und die visuellen Darbietungen. Hier gelingt mit Cumberbatch ( Sherlock, Star Trek Into Darkness ) ein wahrer Glücksgriff. Niemand sonst hätte die Überheblichkeit von Dr. Stephen Strange sowie dessen Wandel glaubhafter darstellen können als er. Hinzu kommt mit Tilda Swinton eine mutige Besetzung, da ihre Rolle im Comic eigentlich von einem alten asiatischen Meister eingenommen wird und man sich so dem Vorwurf des „White-Washing“ aussetzt. Aber hier beweist Regisseur Scott Derrickson Mut in dem er sich eben nicht aus der Klischee-Kiste bedient, sondern die Rolle von einer großartigen Schauspielerin völlig neu interpretieren lässt. Gegen diese beiden kann der Rest, mit Ausnahme von Benedict Wong ( treffenderweise als Sidekick „Wong“) , leider nicht anspielen. Mads Mikkelsen als Bösewicht Kaecillius hat hierbei, aufgrund der kurzen Screentime und der kaum nachvollziehbaren Beweggründe für seinen Wechsel zur dunklen Seite, die undankbarste Aufgabe.

Bleibt noch die visuelle Gestaltung innerhalb der komplexen Thematik der Multidimensionalität. Hier weiß der Film noch wirklich zu beeindrucken. Zugegeben, das Auffalten der Straßenzüge und die Verschiebung der Horizontal-Achse erinnern doch stark an Inception, nur das die Idee hier nicht bloß kopiert, sondern noch konsequenter weitergedacht wurde. Wie es sich für einen Film mit spirituellem Background gehört, lässt man den Zuschauer stellenweise schon sehr weit in die illusorische Welt hinabgleiten ohne sich dabei aber zu sehr in sich selbst zu verlieren. Ein Zugeständnis an das breite Publikum, aber auch eine Art Selbstschutz. So entsteht ein allgemein verträgliches Gesamtbild, das wohl kaum wirklich enttäuschte Zuschauer zurücklassen dürfte.

Fazit: Marvel ist mit Doctor Strange bemüht einen Weg aus dem Einheitsbrei der Superhelden-Blockbuster von der Stange zu finden. Dies gelingt im Wesentlichen aber nur durch die hervorragende Visualisierung und dem fein nuancierten Spiel der beiden Hauptdarsteller. Die Story hätte mehr Potential gehabt, wurde aber auf die allgemein verträgliche Zweistunden-Grenze zusammengerafft und musste sich der „marvelschen“ Coolness unterwerfen. Und so lange die Zuschauer ins Kino kommen, wird sich im MCU wohl auch daran so schnell nichts ändern.

Anmerkung: Ich habe den Film in 3D gesehen, denke aber das der Effekt zu vernachlässigen ist und man ihn sich ruhigen Gewissens auch in 2D ansehen kann.