Rotersand – Interview

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Wenn es einen Namen gibt an den man in den letzten Jahren kaum vorbei kommen konnte, dann dürfte es der Ruhrpott-Dreier „Rotersand“ sein. Nachdem mit „Welcome To Goodbye“ eines der Highlights des vergangene Jahres veröffentlich wurde, starten die drei dieses Jahr mit der gemeinsamen Tour im Vorprogramm von Covenant und der Veröffentlichung einer neuen EP. Genug Gesprächsstoff also um Krischan mit einigen Fragen zu löchern.

Hi Krischan, habt ihr die positive Welle der Resonanzen auf euer Album überwunden? Ich habe mich zwar bemüht aber echte negative Stimmen waren nichts auszumachen. Gab es die einfach nicht?

Ja überraschend wenige. Als Beteiligter verliert sich flott die Vogelperspektive auf ein Album und umso demütiger und dankbarer begegnet man dann dem Widerhall, das offenbar einiges der Energie, Gefühle und Stimmungen so nachfühlen konnte wie wir sie versucht haben zu transportieren. dem eigenen schaffen steht man (hoffentlich) überkritisch gegenüber und so manchmal verwunderte uns dann die Lobhudelei dann doch. Daneben hat sich (auch da Vorsicht vor der Selbsteinschätzung) von „Truth is Fanatic“ zu „Welcome To Goodbye“ unser Sound doch verändert und verbreitert und wir sind heilfroh und ein bisschen stolz darauf, dass das keine Fans vergrault hat, sondern von den bestehenden „open-minded“ wahrgenommen und honoriert wurde. Sicherlich gab es auch Kritik, die man jetzt mit dem Allgemeinsatz, dass sich mit Fans auch mehr Gegner formieren, abtun könnte, was wir nicht tun. Viele der formulierten Kritikpunkte sind auch für uns nachvollziehbar (außer Genrekritiken im sinne von dass ist ja elektronisch-also billig-weil nicht handgemacht) spornen uns an und zeigen uns, wo wir vielleicht Intensiver dran arbeiten können. Jedweder Kommentar zu unserem musikalischen Output ist ja erstmal überdenkenswert, weil sich ja jemand die mühe machen musste ihn zu formulieren und uns zugänglich zu machen.

Empfindet man einen gewissen Druck, hinsichtlich neuer Songs, wenn die eigenen Werke teilweise überschäumend gefeiert werden oder legt man das ab?

Druck entsteht nur, wenn zunehmend wirtschaftliche Interessen bedeutend werden und da darf man sich weder als Band noch als Publikum vor verschließen, das ist ein Thema was mit zunehmender Resonanz auch von uns zu spüren sein wird. Ich bin jedoch überzeugt davon, dass wir jeder genug Erfahrung im so genanten Musikbiz mitbringen um uns gegenseitig zu erden und je nach bedarf beim Höhenflug runter zu holen oder aufzubauen. Daneben ist jeder von uns ein unsäglicher Starrkopf, so dass ich bzgl. „Sell-out“ wenig Befürchtungen habe. Daneben steht uns mit Stefan Herwig als Manager auch jemanden an der Seite der mit solchen Situationen umzugehen weiß, wenn wir denn das glück haben sollten weiterhin so positiv aufgenommen zu werden. Dafür können wir –abseits der platitude- den Fans und Medien gar nicht häufig genug danken. Der Erwartungsdruck der durch gute Rezensionen und die positive Hörer- und Publikumsresonanz entsteht ist insofern keiner als dass er uns nur zeigt, dass wir mit unserer Vision von unterhaltsamer, intelligenter und tanzbarer elektronischer Musik nicht alleine sind. Das spornt uns an und motiviert uns noch mehr zu probieren, zu suchen, zu entwickeln und nach kompositorischen, produktionstechnischen und insbesondere auch textlichen Lösungen und wegen zu suchen die selbstverständlich klingen aber doch vom durchschnitt differenzierbar sind.

Wie kam es denn zu der neuen EP? Veröffentlichungsdruck oder ein Geschenk an die Fans?

Für uns war schon während der arbeiten an „Welcome To Goodbye“ wiederum offensichtlich, dass einige Titel auch in anderen Gewändern passend zu verpacken gewesen wären, daher lag, analog zur „Excursions On Truth Is Fanatic“, die Veröffentlichung der EP nahe. Wir alle drei sind keine Freunde des schnellen Songs „runterreissens“ (obwohl auch oft die ersten Ansätze als kurze magisch inspirierte Momente schlussendlich doch die besten sind), sondern probieren stets an Verbesserungen und Detailideen und alternativen Auffassungen herum, die Entscheidung welche Interpretation dann für das Album ausproduziert wurde und welche unter Umständen als Basis eines der Remixe dienen konnte, fiel bisweilen dann sehr spät und knapp aus.

Werden wir vielleicht in Zukunft auch mal einen Titel mit deutschen Texten von euch hören oder ist das für euch kein Thema?

Weder ja noch nein, sollte es sich aus dem Fluss ergeben, gibt es wenig Argumente dagegen, aber zwanghaft nun was deutschsprachiges erzwingen muss nicht sein.

Wie viel Fair-Sex steckt noch in Rotersand?

Da bin ich vielleicht der letzte von uns dreien der was zu sagen kann, aber aus meiner Sicht ganz viel und zugleich verschwindend wenig. Ganz viel im Sinne, dass ich auch in den „The Fair Sex –Alben“ an denen Gun und Rascal zusammen arbeiteten diese Detailversessenheit, Akribie und Schönheit finde; ganz wenig in der stilistischen Umsetzung und konkreten Ausgestaltung dessen. Lustigerweise war dann ich ja als Produzent für einige der zuletzt erschienen „The Fair Sex“ -Produktionen mit dabei.

Kommen wir mal zu eurer Tour mit Covenant. War es nicht hart, derjenige zu sein der als erster auf die Bühne musste?

Im Vorfeld der Tour hatten wir schon Befürchtungen jeden Abend als erste Band vor ner fast leeren halle spielen zu müssen. Das Szenario hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet, im Gegenteil waren die Locations immer schon stramm gefüllt. Insbesondere auch die Crew Personen, Lichttechniker, Tontechniker und alle Beteiligten an der Tour gaben uns nie das Gefühl nur ein x-beliebiger Support gewesen zu sein. Sicherlich haben da auch die banden zu Covenant die während der Produktion von zwei Versionen von „Ritual Noise“ durch uns entstanden zu beigetragen.

Ich habe euch nun bisher zweimal live gesehen und muss sagen dass zwischen eurem Auftritt auf dem Pluswelt Festival 2005 und dem diesjährigen Konzert in Köln Welten gelegen haben. Dabei spielte weniger die Songauswahl eine Rolle als das man jetzt das Gefühl hat eine Band auf der Bühne zu haben. Seid ihr zusammengewachsen?

Ungemein. So eine Tour schweißt eng zusammen und während der Shows wächst die Band jedes mal ein Stückerl mehr zusammen und ist besser aufeinander eingespielt. Es herrscht mittlerweile innerhalb von Rotersand ein unwahrscheinliches Vertrauen während des Auftrittes, dass jeder den anderen stützt, wenn er den Text verliert, kurz mal Luftholen muss oder den Einsatz verschludert, fängt das ein anderer auf. So eine „Hängematte“ ist ein Luxus. Rascal hat Gun und mich ermutigt deutlich offensichtlicher und präsenter auf der Bühne zu agieren. Ich für meinen Teil hatte immer ne Heidenangst vorm Mikrophon – jetzt kickt mich das…abgesehen davon weiß ich nun auch die Arbeit die Sänger verrichten dank Heiserkeit besser einzuschätzen.

Wie ist es euch denn allgemein auf der Tour ergangen? Hat es euch als Musiker weitergebracht?

Sowohl die Tour mit Assemblage23 und Run Level Zero als auch nun die Tour mit Covenant und Client hat Gun, Rasc und mich zu einem „wir“ zusammen geschweißt. Sicherlich bringt es uns auch musikalisch weiter weil, da du dich mit Musik die du während einer Tour um die 20 Abende hintereinander hörst zwangsläufig unbewusst auseinandersetzt und etwas mitnimmst. Sowohl Joakim, Eskil und Clas als auch Sarah, Emily und Kate sind ausgesprochen angenehme Zeitgenossen, die über eine solide Bildung verfügen, die eine Unterhaltung nie langweilig oder fade werden lässt, was auch wiederum auf die Crew zutrifft.

Als Band die Wert auf Melodien und ausgefeiltes Songwriting legt, belächelt oder bestaunt man da Bands wie Client, deren Songs eher einfach strukturiert/ aufgebaut sind?

Da scheint doch Respekt ein angemessener Ausdruck zu sein. Um ein Gefühl oder den Moment zu fangen, auf den Hörer zu übermitteln und bei ihm etwas auszulösen bedarf es ja nicht zwanghaft eines ausgefrickelten Songwritings (man siehe DAF, Nitzer Ebb, oder auch einige Carl Craig Tracks die mit reduziertem, tief zu bewegen vermögen, oder auch grade deswegen) und auch wir greifen ja, wie z.B bei Almost Wasted, auf eher trackbezogene Strukturen zurück. Wenn das Gesamtbild wie bei Client stimmt spielt es keine sonderlich rolle ob der Song wer weis wie von musikalischer Raffinesse und handwerklicher Kompositionsvirtuosität strotzt, er muss funktionieren und für uns trifft das auf viele Client Songs zu. Diese Kunst muss erst mal beherrscht werden. Etwas auf eine kleine Struktur zu reduzieren, da beneide ich viele Technoartists drum. Einfachheit, Simplizität und Minimalismus einerseits und Billig, schnellschnell andererseits haben da rein gar nichts miteinander zu tun und grade die Darkwave-Szene strotzt vor Kapellen die trotz und wegen oppulentem schmierigem Pathos, klappriger unkontrollierter Scheinkomplexität und unnötiger, boulevardesker Klischee-Provokation die Grenze zum schäbigen bewusst überschreiten.

Wie geht es nun nach der Tour weiter? Habt ihr schon konkrete Pläne was die weiter musikalische Zukunft angeht?

Bereits vor der Tour haben wir angefangen erste Songskizzen für das nächste Album zu entwerfen und haben einige der mannigfaltigen Toureindrücke dank moderner und mobiler Computertechnologie direkt in ungeschliffene Musikbrocken umgemünzt. Wir sind da in einem ständigen Schaffensfluss, wo wir uns untereinander laufend austauschen und Textideen, Musikschnipsel und Beatkonstrukte um die Ohren werfen bzw. per e-Mail verbreiten. Auch während ich dieses Interview schreibe sitzt Gun zwei Meter entfernt und feilt an sündhaft schönen Streicherzügen…Wir stehen ja glücklicherweise noch nicht unter Zeitdruck und können uns erstmal auf die Sommerfestivals freuen und intensiv vorbereiten.

Auf welche VÖ`s in diesem Jahr freust du dich denn persönlich schon und was sind deine Top 5 Alben des vergangenen Jahres?

Auf das verdiente lobhudeln diverser Szenealben verzichte ich hier mal und gebe eher etwas aus dem drum herum zum Besten 2005 – Alben und 12“: AlvaNoto and Ryuichi Sakamoto – Insen (diese Platte hat mich ganz heimtückisch und mit voller Wucht sehr innig erwischt – irgendwo zwischen widerlich und anbetungswürdig, aber ungemein aufregend und schillernd) Matthew Herbert – Plates du jour (verrückter mit erschreckender handwerklicher Qualität und kauzigem Humor) P.Diddy – Jack U / Felix da Housecat mix (ja, wer da nicht sofort tanzen will ist Dogmatiker oder tot…und wer nicht mindestens einmal schmunzeln muss dem ist nicht mehr zu helfen) Carl Craig – Darkness (hach, Techno kann so schlicht, elegant und mitreißend-melancholisch sein) System of a Down – Mezmerize/Hypnotize (verrückte mit erschreckender handwerklicher Qualität und wunderkerzigem Charme) In Vorfreude erwartet: Prince „3121“ Das neue Coldcut-Album Placebo –Meads Hoffentlich mal wieder Radiohead

Welche Persönlichkeit würdest du gerne persönlich treffen?

Ach die Liste ist lang und um Enttäuschungen zu vermeiden lass ich das eher. Ein paar Lichtpunkte zu bestimmten Themen natürlich gerne so z.B. aus dem musikalischen Kosmos mal die Paisley Park Studios besichtigen und mit Prince über grooves plaudern, mit Alan Parsons über Mischfragen in den Siebzigern diskutieren, mit den Labelleuten von Motown usw usw..

Vielen Dank für deine Zeit, das letzte Wort gehört wie immer dem befragten.

Spielt nicht mit den Schmuddelkindern 😉

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