Über zwei Jahre liegt es nun zurück, das große letzte Album der Elektro-Weiterdenker Rotersand. Zwei Jahre, in denen die Welt ein ganzes Stückchen weiter in Richtung Abgrund gerückt ist, in denen die Themen jenes Bollwerks elektronischer Maßarbeit noch aktueller, noch erdrückender geworden sind. Der Mensch ist sich selbst ins Netz gegangen, wird in sozialen Netzwerken durchsichtig, konsumiert, um die Leere zu füllen, stürzt und merkt es in seiner Überheblichkeit bis heute nicht. Im Gegenteil: Mit jedem Tag wird es ein bisschen schlimmer.

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Mensch gegen Maschine. Herz gegen Kopf. Gefühl gegen Ratio. Mehr denn je tragen wir diesen Kampf aus. Einen Kampf, in dem es keine Gewinner geben kann. Auch deswegen können und wollen sich die Visionäre Rotersand noch nicht von diesem dicht verwobenen, dystopischen und dennoch allzu realen Themenkomplex lösen; um die angerissenen Themen weiterzudenken, um ihre Sorgen und Ängste noch präziser zu artikulieren, kehrt Deutschlands intelligentester Electro-Act in den Schoß von “Capitalism TM” zurück – und denkt das epische Werk rigoros neu.

Schon immer waren Rotersand ein diametraler Gegenentwurf zur sinnentleerten Club-Musik unserer Zeit, schon immer waren sie reflektiert, kritisch, intelligent und stets näher an der Philosophie als am Abarbeiten szenegetreuer Klischees. Genau das macht auch dieses Schwester-Album “Hey You” so stark. So furios. Gemeinsam mit einer Armada in Geiste verbündeter Kollegen bescheren sie diesen kristallklar ausproduzierten, auf den Punkt hingezüchteten Electro-Kolossen mit Detonationsgarantie ein neues Antlitz.

Facelifting mit höchstem Anspruch ist das, was Rotersand aus ihren Stücken machen. Ihre “Rework”-Versionen von Songs wie “Hey You” oder “Not Alone” zerlegen die Stücke in ihre atomaren Grundbausteine und setzen sie mit Fingerspitzengefühl neu zusammen. Das ist so viel mehr als ein Remix, das ist ein komplett neuer Blickwinkel auf einige der größten Momente intelligenter Electro-Kunst der letzten Jahre.

Das Besondere an diesem Remix-Album ist aber auch die schlafwandlerische Sicherheit, mit der die befreundeten Acts und Künstler die Grundstimmung des wegweisenden Werkes in ihre Überarbeitungen einflechten. Zwischen verzweifelter Hoffnung, zynischem Realismus und tiefer Melancholie pendeln die Stücke im Original und in den Remixen, was vor allem eines zeigt: Die hohe Songwriter-Qualität, die Krischan Wesenberg und Rascal Hüppe mittlerweile an den Tag legen, ist unerreicht.

Assemblage 23, Mehr Licht, Consumer Junkie oder Chris Count erforschen die Peripherie der elektronischen Welt, bringen mit ihrem Standpunkt und ihrer Haltung neue Impulse in dieses dichte, holistische Sound-Universum, das Rotersand immer wieder aufs Neue erschaffen. Elektronische Musik, doch gemacht von Menschen. Künstliche Welten, doch erfüllt von Leben. Das zeichnet auch das Album “Hey You” aus, mit dem der Zyklus “Capitalism TM” fürs Erste geschlossen wird. Seine Melodien, Arrangements und Gedanken werden jedoch noch lang durch den Äther wandern.

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Foto von Rotersand
Webseite: rotersand.net
Kategorien: Bands
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