Die EBM Formation Zweite Jugend, konnte Ende des letzten Jahres mit der Single Leah und Allisa überzeugen und die VÖ des zweiten Albums steht kurz bevor. Da haben wir es und nicht nehmen lassen, den beiden Protagonisten ein wenig auf den Zahn zu fühlen.

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Hallo Ihr beiden wie geht’s euch?

Eli: Hi, uns geht es ganz gut. Wir kommen aus einer heißen Studiophase und sind vielleicht etwas erschöpft. Oder es ist die Ruhe vor dem Sturm, also bevor es im März zurück auf die Bühnen geht.

Marcel: Fantastisch, es geht vorwärts und das mit großen Schritten.

Ich denke mal, dass noch nicht jeder euch kennt. K önntet Ihr euch bitte kurz vorstellen?

Marcel: Wir sind eine Band aus zwei Freunden die ihre Ansicht von elektronischem körperbetontem Punk umsetzen. Mit Zweite Jugend können wir unser Potential voll ausleben und unser Leben künstlerisch darstellen.

Eli: Wir sind die Band Zweite Jugend und machen elektronische Körpermusik. Marcel spielt akustische Drums und ich, Eli, singe zu unseren minimalistischen analogen Sequenzen. Wir gehen mit unserer Musik sehr konzeptvoll um und haben für uns selbst recht eng gestrickte Ansprüche, welche Botschaft wir auf welche Weise rüberbringen wollen.

Was war euer Antrieb die „Zweite Jugend“ ins Leben zu rufen?

Eli: Die Idee für die Band liegt schon deutlich weiter zurück als der eigentliche Start, mindestens ein paar Jahre. Es war eine Zeit, in der viele der großen Künstler aus den späten Siebzigern und frühen Achtzigern nicht sonderlich aktiv waren.
Das war für uns der hauptsächliche Grund für die Gründung, neben unserer Leidenschaft für die „alte“ Musik natürlich. Wir wollten unbedingt verhindern, dass man die Zeit und deren Schaffen und Einfluss vergisst.

Marcel: Wir wollten rein analoge Musik so machen und das ohne uns Regeln zu unterwerfen. Themen auf ihre Kernaussagen reduzieren und nicht mehr rumreden. Unsere Instrumente, d.h. die Synthies, die Vocals und das Schlagzeug, nicht einengen. Ich konnte in anderen Projekten nicht das umsetzen was mir im Kopf umher geistert und Eli hatte zum Glück das selbe Problem.

Zweite Jugend

Eure Single „Leah und Alissa” ist ja recht erfolgreich in den DAC unterwegs. Stolz?

Marcel: Ein Lied mit einem Thema das uns wichtig ist und in das wir eineinhalb Jahre Arbeit gesteckt haben, damit alles perfekt ineinandergreift, gefällt auch anderen. Da kann man nur stolz sein.

Eli:  Selbstverständlich sind wir außerordentlich stolz auf die dreifache Platzierung in den DAC. Das Lied ist für sich selbst stehend ja nicht der typische EBM Floorkiller. Leah und Alissa ist dabei eher ein verspieltes Lied, das sehr story-orientiert ist. Umso stolzer sind wir also, dass es da draußen noch Leute gibt, die sich auch für diese Musik noch interessieren und es offensichtlich eine Wertschätzung für ausgefeiltere Texte gibt, als es für ein einfaches Tanzlied notwendig wäre.
Dabei möchte ich nun natürlich nicht den anderen derzeitigen Platzierungen etwas absprechen, da sind wirklich viele hochkarätige Lieder in den Single Charts vertreten. Aber die DAC werden von DJs getippt, die ihre Tanzflächenerfahrungen direkt einfließen lassen können und dass hierbei unsere etwas kitschige Single so gut abschneidet, haben wir selbst niemals erwartet.

Das Cover zu eben dieser Single ist farbig. Alle euren andere Cover waren bislang schwarz, weiß. Zufall?

Eli: Das ist alles andere als ein Zufall. Im Designstudium habe ich mir einverleibt, alles, wirklich alles in meinem Schaffen als Konzept zu sehen und auch wirklich jedes Detail auf das Ziel einzustellen.
Bisher haben wir unser musikalisches Schaffen als eine Hommage an die späten Siebziger und frühen Achtziger gesehen.
Da war es logisch, alles im eher dokumentarischen Schwarz-Weiß zu halten. Es sollte ganz bewusst „alt“ wirken. Nun haben wir uns seit der Veröffentlichung des ersten Albums in 2016 weiterentwickelt und auch zeitgenössischere Ideen in die neuen Lieder einfließen lassen. Obendrein sind inzwischen auch viele der „alten Helden“ regelmäßig zurück auf den Bühnen. Es lag also nahe, Zweite Jugend in die Gegenwart zu stellen.

Zuerst hatte ich das Cover für Leah und Alissa, das bereits im Sommer 2017 entstand, aus reiner Gewohnheit ebenfalls in Graustufen entwickelt. Das wollte aber alles nicht sehr gut passen, schließlich geht es in dem Lied auch um alternative Liebesmodelle. Da musste es einfach bunt werden. Übrigens ist auch unser Signet für diese eine Veröffentlichung angepasst worden: Statt den üblichen Hämmern ist dort unter dem Totenkopf eine Labrys zu sehen, die für lesbische Liebe stehende Doppelaxt. Ebenso hat das auch Amazonenaxt genannte Symbol einen generellen Stellenwert in der feministischen Welt.
Es gibt in der EBM selten Lieder über dieses Thema, deshalb war uns nicht nur das Lied, sondern auch das Artwork sehr wichtig.

Für das Album habe ich ebenfalls ein farbiges Artwork gestaltet. Es ist ein nackter Bauch zu sehen, auf dem unser Logo und der Albumtitel gesetzt ist. Mein Ziel war es hierbei, unsere Hörer unbedingt haptisch zu erreichen. Sie sollen dazu gezwungen sein, die Haut zu berühren. Man könnte meinen, wir bringen so auf der Metaebene den Leuten die Sexualität zurück in eine Sache, die oft alles andere ist. Da musste nun natürlich unbedingt auch ein farbiges Cover her, die Haut würde in Graustufen einfach nicht so gut funktionieren.

Marcel: Der Punk ist schuld. Vielleicht aber auch einfach die Liebe.

Ihr seit derzeit im Studio und werkelt an eurem zweiten Album. Wie weit seid ihr und auf was dürfen sich die Hörer einstellen?

Marcel: Wir sind fertig und das Album kommt am 01.03. Es ist unsere Interpretation von elektronischer Körpermusik bzw. elektronischem Punk. Die Lieder sind alle zu 100% wir! Es sind so viele Songs im Produktionsprozess weggefallen, weil wir nicht beide völlig dahinterstanden. Die Lieder auf dem Album sind keine Kompromisse, es ist das was wir sind, was Zweite Jugend ist und jedes Lied beinhaltet eine persönliche Erfahrung. Deshalb findet der Hörer immer mindestens zwei Bedeutungen.

Eli: Wir haben das Album bereits im Presswerk, wo man uns schicke 12“ Vinyl und CDs im Digipack produziert. Auf die CD als Medium wollten wir eigentlich dieses Mal komplett verzichten, weil man im Zeitalter der digitalen Musik sowieso Download-Codes zu jeder Vinyl bekommt. Aber es gibt letzten Endes doch zu viele Liebhaber der CD, so dass wir auch diese Leute beglücken wollen.

Es erwartet die Hörer, wie auch schon auf unserem ersten Album, eine Reise durch die „alten Tage“ der elektronischen Musik. Allerdings haben wir dieses Mal den Fokus deutlich auf den Klang gelegt. Es sind weitere Genre eingeflossen, wie zum Beispiel Techno oder Disco, aber nur dezent und hintergründig natürlich.
Wir produzieren wirklich immer als Hybrid: Die Machart sollte ohne Kompromisse immer genau so angelegt werden, als wären wir eine Band in den Siebzigern, die Aufnahme und der Mix entstehen hierbei aber dann in der Gegenwart.
Ebenso entstehen sämtliche Sequenzen ausschließlich auf einem SH-101, einem MS-20 und einem ARP Odyssey. Die letzteren beiden habe ich inzwischen wegen verschiedenen Vorzügen gegen ihre offiziellen Nachbauten von Korg ersetzt. Für den SH-101 gibt es aber keinen Ersatz, der ihm gerecht werden würde. Obwohl ich hier eine viel größere Menge an Optionen hätte, ist die Reduzierung auf die Geräte, die es damals gab und gerne verwendet wurden, der Kern der musikalischen Arbeit. Oder um es mit Kandinsky zu sagen: Der Punkt wird äußerlich immer als Punkt gesehen, aber die Innenspannung muss ebenfalls ein Punkt sein, um seine Bedeutung eindeutig zu manifestieren, obwohl das Innere eben nicht immer ein Punkt sein muss, um als solcher wahrgenommen zu werden.
Hier liegt die Perfektion der Gestaltung begründet und dabei meine ich auch die Gestaltung der Musik.

Wenn man über die „Zweite Jugend“ liest, stößt man unweigerlich auf einen Hinweis zu DAF. Hier und da schwingt im Unterton das Wort “Kopie“ mit. Wie steht ihr dazu?

Marcel: Aufgrund der Bandzusammensetzung von Gesang, Schlagzeug und den Synthies entsteht eine ähnliche Außendarstellung, aber unser Aufbau der Lieder als auch der Schreibprozess sind anders (wenn man sich auf die öffentlichen Infos zu DAF bezieht). Wir sind mit der Musik dieser Band großgeworden, aber auch mit der von vielen anderen Bands, und die Begeisterung für Neues hat nicht nachgelassen.
Unsere musikalischen Inspirationen kommen aus dem Punk, Post-Punk, Metal, Jazz, Hardcore und Pop. Wir schränken uns selbst nicht ein und überlegen nicht ob es anderen gefallen würde, oder ob wir etwas machen können oder es besser lassen sollten. Wir tun es einfach. Durch die Synthesizer, wie den MS-20, den Arp Odyssey oder den SH 101, haben wir einen ähnlichen Klang wie die Genannten. Es handelt sich um großartige Instrumente um die man einfach nicht rum kommt.

Eli: Wir kennen diesen Vorwurf nur zu gut und genau da trennen sich die Lager. Eine Kopie ist natürlich von uns nicht immer beabsichtigt, manchmal hingegen ist es als eine Hommage von uns durchaus bewusst so gemacht. Es kommt dabei auf den Einzelfall des Liedes an, um das es geht.
Auf dem kommenden Album haben wir einige Passagen viel näher an DAF angelehnt, in den meisten Fällen haben wir uns aber von ihnen entfernt. Ich denke, es ist bei den Leuten eher so, dass sie uns als Kopie wahrnehmen, weil wir einige grundsätzliche Dinge ähnlich machen. Wir verwenden deutsche Texte, spielen die Drums auf einem analogen Drumset, verwenden die typischen Synthesizer der Epoche. Das sieht auf den ersten Blick äußerlich schon ein wenig danach aus, aber man darf dabei nicht vergessen, dass DAF in den Achtzigern auch nur eine von vielen Bands war, die auf diese Art und Weise ihre Musik erschaffen haben, wenn sie dabei auch zu den allerersten Vertretern gehören. Sie sind in den Köpfen der Leute nur am präsentesten. Wir haben durchaus auch Einflüsse vieler anderer Bands, nicht zuletzt auch von Nitzer Ebb oder Liaisons Dangereuses.

Eine weitere Nähe besteht darin, dass sowohl Gabi als auch ich die Texte in der Methodik eines Kunststils schreiben.
Er schrieb bekanntermaßen in die Siebzigern dadaistische Lyrik und das hat er beinahe eins zu eins zu DAF übernommen. Gabi stellt das Gewicht und den Klang von Wörtern sehr stark in den Vordergrund. Ich hingegen unterziehe meine Texte einem kubistischen Filter.
Marcel und ich bringen uns thematisch oft gleichwertig ein, diskutieren oft stundenlang in meiner Küche über ein Thema. Dann wird der Text herunter geschrieben. Anschließend gehen wir mit den Sequenzen und Texten in den Proberaum und ich reduziere die Texte bis auf die wesentlichste Bedeutung herunter, manchmal bleibt hierbei nur eine einzige Zeile übrig. Damit habe ich einen Kern oder selten auch mehrere, die ich dann neu aufbaue zum ganzen Liedtext.
Oft steht am Anfang eine bewusste Assoziation von einer Aussage zu einer vollkommen anderen. Es geht mir also nie um den Klang von Wörtern, sondern immer und ausschließlich um ihre Bedeutung, ihre Aussage und dessen Assoziationen. Die analytische Art des Kubismus bot sich dafür besonders an, nicht nur, weil ich selbst sehr kunstfanatisch und ein großer Fan des Kubismus bin.

Welchen Stellenwert hat die „Zweite Jugend“ in eure Leben?

Eli: Sowohl zeitlich als auch thematisch nimmt die Band einen intensiven Platz in meinem Leben ein. Es wäre also falsch, zu behaupten, sie hätte einen geringen Stellenwert. Das geht oft weit über den Alltag hinaus, in welchem man nur organisatorische Dinge zu erledigen hat und das dann meistens erst nach dem Day Job. Die Zeiten, in denen man in einem solchen Subgenre als Urheber davon leben könnte, sind leider lange vorbei. Dennoch macht es einen aus und beides beeinflusst sich gegenseitig.
Ohne das Wirken in Zweite Jugend hätte ich viele Freunde niemals kennengelernt und da wird man natürlich immer mit Fragen zur Band konfrontiert.
Man wird zu einem zweigeteilten Menschen. Der eine ist die private Person, der andere die öffentliche Person. Das ist einer der Gründe, warum ich mich beispielsweise in den sozialen Medien aus politischen Debatten komplett heraushalte. Da ist kein Raum für die private Seite geblieben.

Andererseits sind Marcel und ich schon viel länger miteinander befreundet, als wir zusammen Musik machen. Das alleine hat bei uns natürlich ebenfalls einen hohen Stellenwert, wir haben sehr viel gemeinsam. Vor Zweite Jugend ist Marcel dann irgendwann in unsere Vorgängerband Combat Company eingestiegen und so hat unsere musikalische Zusammenarbeit begonnen.

Marcel: Zweite Jugend ist mir enorm wichtig und es steckt viel Herz und Persönliches in allem was wir in dem Zusammenhang tun. Die Musik die ich machen wollte und das mit einem wirklich guten Freund mit dem ich durch harte Zeiten gegangen bin.

Welches Konzert habt ihr als letztes besucht?

Marcel: Ich arbeite nebenbei für das Webzine Reflections of Darkness. Bin deshalb mehrfach die Woche auf Konzerten diverser musikalischer Richtungen unterwegs und hole mir überall Inspirationen. Zuletzt waren Nitzer Ebb, Coma Alliance, Die Fantastischen Vier und „No Shelter.“ dabei.

Eli: Nitzer Ebb im Berghain. Ich glaube, das braucht keine weiteren Worte.

Welche Band wird derzeit völlig unterbewertet?

Eli: Beinahe alle Bands, die ich gerne höre und mehr gut finde, haben ihren angemessenen und berechtigten Erfolg. Wenn ich also tief in mich gehe und ein paar Bands nennen müsste, deren Musik viel mehr bietet als die Leute ihnen möglicherweise im Durchschnitt zurechnen und die man zu wenig auf den Bühnen sieht, dann würde ich am ehesten Youth Code, Parade Ground, TC75 oder Lower Synth Department nennen. Alles weitere wäre jetzt ein Jammern auf wirklich sehr hohem Niveau. Ich muss aber erwähnen, dass ich privat kaum EBM oder Wave oder ähnliches höre, da finden in fast allen Fällen Platten aus den Genre Punk, Ska, Oi! oder Techno den Weg in meine Playlist oder auf meinen Plattenteller.

Wenn ich noch ergänzen darf, auf welche Veröffentlichung ich mich dieses Jahr am meisten freue, dann komme ich um das im nächsten Monat erscheinende Album von Orange Sector nicht herum. Darauf bin ich sehr gespannt. Nach der zeitgleich mit Leah und Alissa Veröffentlichten Single im Dezember halte ich das Album für vielversprechend.

Marcel: Viel zu viele um sie hier aufzuzählen. Ich kann nur empfehlen sich mit kleineren Bands auseinander zu setzen. Ich werde immer wieder überrascht wie reichhaltig das Angebot an großartigen Bands ist.

Ich danke für eure Zeit. Das letzte Wort gehört euch.

Marcel: Vielen Dank.
Genießt euch und lasst die Venus beben.

Eli: Vielen Dank für das Interview und wir freuen uns auf euch alle im März, wenn wir für zahlreiche Termine auf den Bühnen stehen werden, um unser neues Album zu präsentieren.

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Juni 2019

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Foto von Zweite Jugend
Kategorien: Bands
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